Erinnerungen an Don Jesus Ccana Tito

Vor Kurzem starb der rituelle Spezialist der Andentradition Don Jesús Ccana Tito aus der Bauerngemeinschaft von Amaru in der Nähe von Pisac im Alter von 81 Jahren. Als ich 1987 zum ersten Mal in Peru ankam, machte ich mein Auslandsjahr an der Uni von Durham, wo ich die spanisch Sprache und Literatur studierte. Ich sollte bis zum Jahresende eine Dissertation über ein Thema der Literatur schreiben, aber stattdessen folgte ich meiner Leidenschaft und wählte ein Thema im Bereich der Ethnologie.

Ein Freund aus Cusco stellte mir Don Jesus vor, der bald mein Freund und Mentor wurde. Ich machte mehrere Ausflüge zu seinem Heimatort und wurde von seiner Frau, Doña Rosa,  und seinem Sohn Angel und Familie herzlich aufgenommen.

Zu diesem Zeitpunkt lebte ich in einem Zimmer in einem Kolonialhaus in Calle Recoleta mit einem sonnigen Innenhof, wo ich oft vor meiner Tür saß und mit meinen Freunden das Mittagessen zubereitete. Ich gab Don Jesus einen Hausschlüssel, damit er kommen und gehen konnte, wie es ihm gefiel, denn er verbrachte fast immer die Nacht in meinem Zimmer, wenn er in Cusco zu tun hatte. Manchmal brachte er Familienangehörige mit, wie etwa seine Nichte, und dann saßen wir abends in meinem kleinem Zimmer und sippten Kräutertee, kauten Kokablätter und hörten Waynos aus Huancayo, die Don Jesús besonders liebte. Ich hingegen genoss es ihn mit meinen Kochkünsten zu verwöhnen; in gewisser Hinsicht adoptierte ich ihn als meinen ‚Andenvati‘.

Ich begann die Welt der Andenmagie und der Rituale zu studieren und so führten wir einige Opfergaben für die Pachamama und die Apus durch. Don Jesús stellte mir das Festival von Qoyllur Rit’i vor, ein uraltes Fruchtbarkeitsrituell der Anden, das jedes Jahr bei Vollmond im Mai oder Juni am Fuße des Sinakara Gletschers gefeiert wird. Zusammen mit seinem Sohn Angel reisten wir auf einem offenem Lastwagen in der eisigen Winternacht  durch das Hochland der Ausangate Region. Als wir Mahuayani erreichten, den letzten Halt auf der Schotterstraße, stärkten wir uns mit einem heißen Kaffee und machten uns alsdann an unseren vier- bis fünfstündigen Aufstieg bis zum Lager und zur Kapelle, wo sich Tausende von Quechuas von Nah und Fern zusammengefunden hatten. Als mehrere Tage später die Festlichkeiten vorüber waren glaubte ich es sei ein Glücksfall gewesen, dass wir Sitzplätze in einem Kleinbus für die Rückfahrt nach Cusco fanden. Allerdings wurde dies die schreckenerregendste Busfahrt, die ich je erlebt hatte, denn der Fahrer war stockblau und wollte partout nicht halten, um uns aus dem Bus zu lassen. Wir feierten die Tatsache, dass wir diese Busfahrt überlebt hatten mit einem super luxoriösen Frühstück in Cusco!

Ich erinnere mich, dass die Dinge anfingen bergab zu gehen, als sein Sohn Angel plötzlich starb. Er war gerade dabei ein vielversprechender Gemeinschaftsführer zu werden, als er einen tragischen Verkehrsunfall auf dem Heimweg von Pisac hatte, in dem das Fahrzeug die Schlucht hinunterkugelte und es etliche tödliche Opfer gegeben hatte.  Ich sah die Familie zum letzen Mal bei der Beerdigung. Don Jesús fing leider an zu trinken und er ließ sich von seinem Ruhm verführen. Ein Rockstar aus Lima hatte ihn Anfang der 90ziger Jahre ‚entdeckt‘ und schmiedete Pläne ihn nach Deutschland mitzunehmen (ich weiß nicht, ob daraus was geworden war, aber auf jeden Fall verbrachte er Zeit in Lima).

Sein Charakter veränderte sich. Er wurde immer distanzierter und ich empfing ihn nicht mehr in meinem Haus. Manchmal sah ich ihn nachts betrunken auf der Straße, wenn er mit seinen Nichten aus einem der Nachtlokale, wo man ihn als stadtbekannte Persönlichkeit zu unzähligen Cocktails einlud, heraustorkelte. Es war für mich traurig ihn zu verlieren und ich vermisste seine Gesellschaft und sein humorvolles Lachen. Dann verlor ich ihn viele Jahre lang ganz aus den Augen, als ob wir in der kleinen Welt von Cusco in verschiedenen Universums lebten. Allerdings bin ich froh, dass ich ihn noch in den späten 80zigern erleben durfte, als er noch nicht von den Veruschungen unserer globalisierten Welt berührt war. Möge deine Seele in Frieden ruhen, mein Freund!

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